Paris 1900

Das Chaos der 162 Tage

II. Olympische Sommerspiele
Datum 20. Mai bis 28. Oktober
Teilnehmer 25 Nationen
1.637 Athleten
(20 Frauen)
Sportarten 18
Disziplinen 87
Schirmherr Alexandre Millerand (Handelsminister)
Zuschauer 200.000
 

Nachdem die Spiele von Athen vier Jahre zuvor als großartiger Erfolg zu feiern waren, wollte Griechenland nun dauernd zum Schauplatz der Olympischen Spiele werden. Dies lag jedoch nicht im Sinne Coubertins, dessen Ziel rotierende Spiele waren, den Anfang sollte die Hauptstadt seiner Heimat machen: Paris. Da er seinen Landsleuten in olympischen Fragen nichts zutraute, kam ihm die Weltausstellung, auf der die großartigen Erneuerung in den Bereichen der Wissenschaft, Technik und Kunst zu bestaunen waren, gerade Recht. Der griechische König musste von seiner Idee, der ständige Gastgeber zu sein, ablassen, da er ein Jahr nach Athen den Krieg gegen die Türkei verlor und die Schulden seines Landes noch weiter in die Höhe getrieben wurden.

Alsdann bemühte Coubertin sich um die Organisation der Spiele im Rahmen der Weltausstellung. Doch Gespräche mit Organisatoren der Weltausstellung und mit dem französischen Präsidenten Félix Faure selbst, den er für eine Ehrenpräsidentschaft auf dem 2. Olympischen Kongress in Le Havre gewinnen konnte, endeten ohne Erfolg. Zwar holte er sich einen privaten Finanzier heran, den Diplomaten Charles de la Rochefoucauld, doch weiterhin gab es Schwierigkeiten mit der Leitung der Weltausstellung und der USFSA (dem französischen Sportverband, dessen Generalsekretär Coubertin war), ein Organisationskomitee löste sich 1899 zwei Monate nach Einrichtung wieder auf.
Ein endgültiges Komitee wurde dann seitens des Generalsekretariats der Weltausstellung Anfang 1899 gegründet und bestätigt. Die Sportler waren für den Direktor der Ausstellung, Daniel Mérrilon, für den Coubertin ein Phantast ohne Realitätsbezug war, nur Aussteller oder Konsumenten, dennoch wurde er Generalsekretär für die sportlichen Wettbewerbe.
Die „Spiele“ begannen am 20.Mai mit den ersten Wettkämpfen im Fechten und Automobilsport. Sage und schreibe fünf Monate später endeten sie mit dem Rugby-Final-Spiel zwischen den Franzosen und den Deutschen. Der ungarische Historiker Ferenc Mezö, dessen Werk „Sechszig Jahre Olympische Spiele“ mit dem olympischen Orden des IOC ausgezeichnet worden war, schrieb: „Olympia spielte neben der Weltausstellung eine zweitrangige Rolle; die Spiele betrachtete man als Nebenprogramm, und deshalb zogen sie sich derart in die Länge, dass zwischen dem ersten und dem letzten Kampftag mehr als fünf Monate verstrichen.“ Weswegen die Spiele nur so „zweitrangig“ waren, umschreibt ein Artikel der Deutschen Rundschau: „Die Pariser Weltausstellung ist die Schlussfeier des neunzehnten Jahrhunderts und nicht die festliche Eröffnung des zwanzigsten... Sie will einen Überblick über die Errungenschaften des abgelaufenen Jahrhunderts geben, das in seinen Anfängen das Jahrhundert der Philosophie, der Geschichtsschreibung und der Musik war, dann aber zum Jahrhundert der Naturwissenschaften, der Industrie und des Handels wurde. Das Verlangen, zu zeigen, wie herrlich weit wir es gebracht haben, drängt sich überall hervor und lässt uns die Keime des Neuen und Werdenden nur mühsam entdecken.“

Der Eiffelturm 1900
Der Eiffelturm 1900

Die II. Olympischen Spiele der Moderne wurden daher zu einem Anhängsel der Weltausstellung degradiert und hätten das Chaos, das vornehmlich durch eine fehlende Führung verursacht wurde, nicht überlebt, nachdem der Gedanke noch nicht einmal zehn Jahre alt war. Es war für Coubertin eine schmerzliche Niederlage, die einzugestehen sein Stolz freilich nicht zuließ. Nur den Griechen, Deutschen und Amerikanern ist das Überleben der olympischen Idee zu verdanken. Viele Sportler wussten nicht einmal, dass es sich um die Olympischen Spiele handelte, sondern dachten, es seien lediglich internationale Wettbewerbe, so dass z.B. Schweizer Schützen erst Jahre später erfuhren, dass es ein Olympiasieg war. Und die Golferin Margaret Abbott hat es nie erfahren, dass sie das olympische Golfturnier gewonnen hatte. Selbst in der Presse wurden die Wettkämpfe meist nur als „Weltmeisterschaften“ angesehen.

Die Weltausstellung, die von 48 Millionen Besuchern bestaunt worden sein soll, hob das Selbstbewusstsein der Franzosen, deren Staatspräsident Emile Loubet, Nachfolger von Faure, die Eintracht der Völker pathetisch beschwor. Die war notwendig wie eh und je, denn es gab den Burenkrieg in Südafrika, den Boxer-Aufstand in China und das deutsche Flottenbauprogramm, mit dem Alfred von Tirpitz das Kräfteverhältnis zwischen Großbritannien und Deutschland zugunsten der Deutschen veränderte. Für die Europäer waren das Ende des Mahdi-Aufstandes im Sudan und der Frieden im Spanisch-Amerikanischen Krieg genau so ferne Ereignisse, wie die am 10.Dezember 1899 in Paris verkündete Unabhängigkeit Kubas.

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Medaillenspiegel
# Nation G S B
1 Frankreich 28 42 36
2 USA 19 15 16
3 Großbritannien 18 9 11
4 Belgien 7 4 5
5 Schweiz 6 1 1
6 Deutschland 3 2 2
7 Australien 3 0 4
8 Dänemark 2 3 2
9 Italien 2 2 0
10 Niederlande 1 2 3